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Ich weiss was ich will...

Im Jahre 1683 wurde das erste Kaffeehaus "zur blauen Flasche" in Wien eröffnet und bis heute treffen sich die Künstler und Literaten der Donaustadt in den zahlreichen gleichartigen Etablissements zum Zeitung lesen, tarocken, Billard spielen, zum schmehführ'n, zum Ratschen oder zum Gedankenaustausch.

Im Jahr 1935, sitzt dort ein etwas magerer Jurastudent beim "grossen Braunen". Aber er liest nicht, er spielt nicht, er unterhält sich nicht. Er schreibt. Er kritzelt mit einem kleinen Bleistift unaufhörlich Reime in ein kleines schwarzes Büchlein, summt dabei gelegentlich vor sich hin und eines Tages, etwa zwei Jahre später, singt ganz Wien eines dieser Lieder mit der Zeile "Danke schön, es war bezaubernd".

Der Erfolg hält ihn nicht davon ab, sein Jurastudium zu beenden und zum Dr. jur. zu promovieren aber der Wunsch Schlager zu schreiben lässt ihn nicht los.
Und dann der "Anschluss". Am 12. März 1938 marschieren deutsche Truppen in Wien ein.

Dr. Friedrich Alex Jacobson gelingt es, fast zu spät, nach Frankreich zu gelangen.
In Paris, im Quartier Latin, bezieht er ein karges Pensionszimmer und beginnt wieder Reime zu schmieden. Auf französisch, mit der Tageszeitung "Le Monde" als Sprachhilfe. In den Cabarets von Montmartre hält er sich mit seiner Ukelele über Wasser.

Aber auch nach Frankreich reicht der lange Arm der Nazis und er wird monatelang in einem Lager festgehalten, wo er ein bewegendes und bis heute erhaltenes Tagebuch führt.
Dann das Wunder, das lebensrettende: Ein Visum für die USA.
Da ist er also, im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten".

In New York bekommt der intelligente junge sprachenkundige österreichische Jurist einen Job beim Radio, bei "The Voice Of America" ("Die Stimme Amerikas").
Das Medium Radio, und darin besonders die amerikanischen Unterhaltungsshows, bieten ihm Gelegenheit, sich mit der neuen Sprache vertraut zu machen. Er braucht Sprache für seinen immer währenden Traum, Songtexte zu schreiben.

Er schreibt und schreibt nun im anglo-amerikanischen Idiom und klappert in seiner Freizeit die Musikverlage ab.
Eine seiner Zeilen lautet "What Am I Living For?", Wofür lebe ich, wenn nicht für Dich?". Der grosse Ray Charles nimmt das auf Platte auf und es wird ein Erfolg. Dann ein weiterer Hit: "Wenn die Glocken hell erklingen..", auf englisch "The Wedding".

Eines Tages dann, 1963, das Angebot, bei der "Stimme Amerikas" in Deutschland eine Position zu übernehmen.

Der nicht sehr abenteuerlustige, eher stille, bescheidene und introvertierte Freddy wird von seiner Frau Mary überredet, den Sprung zu wagen und so, er ist knapp 50 Jahre alt, zieht die Familie erst nach München zur "Stimme Amerikas" und dann nach Berlin, wo Dr. Friedrich Alex Jacobson Programmdirektor des U.S. Senders "RIAS" wird.
Und wieder stellt er sich mit seinem schwarzen Büchlein bei Produzenten und Verlegern vor. Da gibt es den jungen Verleger Peter Meisel und der erkennt das ungeheure Potenzial der einst gekritzelten Zeilen.

Das sind keine La-La-La-Liedchen. Das sind Texte, die ahnen lassen, welches Schicksal einem poetischen Geist aufgezwungen wurde.

Und es wird produziert. "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo...", " Du fängst den Wind niemals ein...", "Einsamkeit hat viele Namen..", "Deine Spuren im Sand..", Ra-Ra-Rasputin, ein Weltschlager, der zwischen Sibirien und Rio de Janeiro 7,5 Millionen Platten verkaufte und, programmatisch: "Ich weiss, was ich will!".

Im Dezember 1965 singt Johnny Mathis den Fred Jay Text "When A Child Is Born" und von dieser Aufnahme werden am ersten Tag der Veröffentlichung, dem 21. Dezember, 221 000 Platten verkauft, zu dieser Zeit eine Zahl, die ins Guiness Buch der Rekorde eingeht. In Deutschland singen die Stars der 60er und 70er Jahre die Lieder von Fred Jay in die Hitparaden. Die "Industrie" vergoldet auf einmal Poesie.
Ein hochgebildeter, belesener Intellektueller, voller altösterreichischem Charme, hat sich seinen Traum erfüllt.

Fred Jay quittiert seine Position beim RIAS und schreibt: Für Mary Roos, für Howard Carpendale, für Jack White, für Udo Jürgens, Katja Ebstein und als plötzlich englisch-sprachige Texte in Mode kommen, ist das für ihn natürlich kein Problem.
Er textet Frank Farians Gruppe Boney M mit "Ma Baker", "Rasputin", "El Lute" etc. in die "Charts". Texte, die einfach sind, aber poetisch und originell.
Fred Jay ist bald siebzig Jahre alt und der erfolgreichste Hitschreiber in Deutschland, in einer von Jugendwahn und Statussymbolen beherrschten Gesellschaft. Er tritt nie ins Scheinwerferlicht, er holt seine "Goldenen" nicht einmal ab. Er bleibt still und unauffällig, wie einst im Wiener Caféhaus. Den "Grossen Braunen" hat er überlebt, nun kann er die "Schale Gold" geniessen.

Im Jahr 1985 zieht er mit der Familie nach New York zurück.
Hier arbeitet sein Sohn Michael als Herzspezialist. In Connecticut finden die Jacobsons ein Haus mit einem schönen Blick.

Kaum zwanzig Verwandte und Freunde nehmen im Jahr 1988 an der Trauerfeier in Greenwich, Connecticut teil. Eine kleine Friedhofskapelle und ein einfacher schöner Holzsarg. Es gibt keine Reden.
Musik erklingt. "Danke schön, es war bezaubernd".

"So feiert ihn, denn was dem Mann das Leben
nur halb erteilt, soll ganz die Nachwelt geben.

(Goethe Epilog zu Schillers "Glocke)